Fachkräfte gesucht: Wie gelingt die Integration von ausländischen Fachkräften in Kita und Pflege?

Zweites politisches Hearing der Fachkräfteallianz Region Stuttgart

© Leif Piechowski
Fachkräfte dringend gesucht – wie gelingt der Einstieg in soziale Dienstleistungsberufe?

Am 10. Juni 2026 lud die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) gemeinsam mit der Agentur für Arbeit Stuttgart zum zweiten politischen Hearing der Fachkräfteallianz Region Stuttgart im regionalen Treffpunkt „Das Gutbrod“ bei der WRS ein. Im Fokus stand die Frage: „Fachkräfte dringend gesucht – wie gelingt der Einstieg in soziale Dienstleistungsberufe? – Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten und internationalen Fachkräften in Pflege und Kita“. Diese Bereiche fordern die Kommunen und Träger besonders stark. Gleichzeitig sichern sie die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Region.

Die Veranstaltung knüpfte bewusst an das erste Hearing „Personalabbau & Fachkräftemangel – Arbeitsmarkt im Wandel, regionale Politik im Zugzwang“ am 9. Oktober 2025 an: Wieder ging es darum, Trends am Arbeitsmarkt einzuordnen, Erfahrungen aus der Praxis sichtbar zu machen und politische Handlungsräume aus regionaler Perspektive zu diskutieren.

Fachkräftesicherung in Zeiten des Wandels

Als Veranstalter und Co-Vorsitzende der Fachkräfteallianz Region Stuttgart eröffneten Michael Kaiser (Geschäftsführer der WRS) und Gunnar Schwab (Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Stuttgart) das Hearing mit einem Blick auf die Fachkräftesicherung in der Region. Transformation, Strukturwandel und demografische Entwicklungen treffen aktuell auf einen Arbeitsmarkt, der Engpässe und konjunkturelle Dellen zugleich erlebt.

Kaiser betonte die Notwendigkeit, aufenthaltsrechtliche Regelungen und Anerkennungsverfahren so zu gestalten, dass Prozesse vor Ort funktionieren und die Beteiligten planbarer handeln können, besonders dort, wo Kommunen und Träger unter Druck stehen. So könnten auch ausländische Fachkräfte gewonnen werden. „Wir sehen Herausforderungen“, so Kaiser, „aber auch Lösungen und den Willen, diese umzusetzen. Ein verlässliches System für die Pflege von Angehörigen sowie die Kinderbetreuung ist eine zentrale Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit für die wirtschaftliche Entwicklung in der Region“. Dabei spiele der Austausch zwischen Praxis und Politik, wie bei diesem Hearing, eine Schlüsselrolle.

Wie gelingt der Einstieg? Fachkräfte dringend gesucht.

Impuls: Dynamik und Engpässe auf dem Arbeitsmarkt

In seinem Impulsvortrag beschrieb Gunnar Schwab die paradoxe Lage am Arbeitsmarkt: Während die Arbeitslosigkeit in den Landkreisen steigt, bleibt der Fachkräftebedarf hoch. Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich. In Baden-Württemberg scheiden in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren ein Viertel der Erwerbstätigen aus dem Arbeitsmarkt aus, was den Druck auf Pflege- und Erziehungsberufe erhöht.

Obwohl die Beschäftigtenzahl in diesen Bereichen in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen sei, so Schwab, bleiben viele Bedarfe in Versorgung und Betreuung ungedeckt. Da deutsche Bewerber*innen fehlen, geht das Wachstum an Personal in der Pflege seit 2022 fast ausschließlich auf ausländische Fachkräfte zurück. Im Erziehungsbereich spielen Fachkräfte mit Zuwanderungsgeschichte ebenfalls eine größere Rolle, jedoch ist das Personalwachstum in diesem Bereich nicht im gleichen Maße auf sie zurückzuführen. Beide Berufsfelder sind weiterhin stark von Frauen und Teilzeitstellen geprägt; vier von fünf Pflegekräften sind weiblich. Die hohe Teilzeitquote reduziert Vollzeitäquivalente und trägt so zu den anhaltend hohen Vakanzzeiten und spürbaren Engpässen bei. Die Verdienste in den Berufen hätten sich jedoch unter anderem durch tarifliche Entscheidungen überdurchschnittlich positiv entwickelt. Dieser Faktor bleibe trotz seiner Bedeutung für die Gewinnung von Fachkräften wenig bekannt.

Die Sicherung von Fachkräften in den sozialen Dienstleistungen wirke sich, so Schwab, doppelt aus. Sie stabilisiere Betreuung und Pflege und ermögliche so anderen, erwerbstätig zu sein. Damit sei sie zentral für die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarkts und der regionalen Infrastruktur.

Themenschwerpunkt 1: Kita – Einstieg, Qualifizierung und Integration im Alltag

Die erste Runde des Hearings richtete den Blick auf Erziehungsberufe und Kindertagesstätten. Im Panel berichteten Flora Kicmari (Malteser Hilfsdienst GmbH) und Nadiia Kholod, eine Kinderbetreuerin in ihrem Team. Letztere lebt nach ihrer Flucht aus der Ukraine seit 3.5 Jahren in Deutschland. Wolfgang Morbach und Maria Simo, beide aus dem Jugendamt der Landeshauptstadt Stuttgart, bereicherten die Diskussion um die Trägerperspektive und ihr Wissen zur Rekrutierung und Integration der Fachkräfte im Alltag. Im Mittelpunkt standen die Fragen, wie ausländische Fachkräfte den Einstieg schaffen, welche Unterstützung im Betrieb hilft und wo Anerkennung, Sprache und Rahmenbedingungen in der Praxis hemmen oder fördern.

Nadiia Kholod schilderte ihren Weg aus der Ukraine zur Spielzeitbetreuung bei dem Malteser Hilfsdienst als Fortsetzung ihres pädagogisch-sozialen Selbstverständnisses: Sie hat langjährige Erfahrungen als Lehrerin und Beraterin einer Einrichtung für an Diabetes erkrankte Kinder. Auch in Deutschland möchte Nadiia Kholod Kinder im Alltag begleiten und stärken, um damit Familien im Alltag zu entlasten. Familienfreundliche Betreuungszeiten ordnete sie als wichtig für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Im deutschen Arbeitsumfeld helfe ihr Team maßgeblich, sie zu integrieren und ihr Sprachverständnis zu fördern.

Aus Arbeitgebersicht betonte Flora Kicmari, dass Offenheit und Wertschätzung neben dem Spracherwerb entscheidend für die Integration ausländischer Fachkräfte seien. Qualifizierungs- und Weiterentwicklungsangebote wie z.B. das Projekt Direkteinstieg-KITA erleichterten den Einstieg bei den Malteser, auch ohne eine vorherige pädagogische Ausbildung. Praktische Rekrutierungswege – etwa über die Flüchtlingshilfe oder das Arbeitsamt – seien wichtig, um in Kontakt zu kommen und den Fachkräften passende Möglichkeiten aufzuzeigen.

Maria Simo berichtete von überwiegend positiven Erfahrungen aus ihrer mehr als zehnjährigen Tätigkeit in der Rekrutierung internationaler pädagogischer Fachkräfte und Quereinsteiger*innen, da diese neben Qualifikationen auch interkulturelle Kompetenzen in Einrichtungen bringen. Die Akzeptanz sei bei Eltern und Teams in den letzten Jahren stark gewachsen. Allerdings bleibe der Spracherwerb eine Hürde, besonders wenn Sprachkurse nicht mit den Kitazeiten vereinbar sind. Bürokratische Hürden wie bei der Erteilung der Aufenthaltstitel und die damit verbundenen Ausfallzeiten erschweren die Integration zusätzlich.  

Wolfgang Morbach unterstrich, dass die Anerkennungsverfahren für international rekrutierte Kräfte trotz anerkennungsfähiger Abschlüsse oft Stolpersteine blieben. Integration gelinge jedoch vor allem durch Annahme und Orientierung im Team sowie einem „Heimathafen“ im beruflichen Kontext. Das helfe auch bei kulturellen Unterschieden, die sich manchmal bei der pädagogischen Arbeit zeigen. Unterschiedliche Herangehensweisen und Mentalitäten können hilfreich sein, aber auch erklärungsbedürftig, weshalb ein offener Raum für Austausch notwendig ist.

Trotz verbesserter und weiter optimierter Prozesse bei der Integration entscheiden oft Details in der Umsetzung über Erfolg oder Frust. Reibungslose Abläufe entstehen, wenn Kita, Träger, Verwaltung und Beratungsstellen eng zusammenarbeiten, Probleme früh ansprechen und pragmatische Lösungen ermöglichen. Einrichtungen wie der Welcome-Service der WRS und das Welcome Center Stuttgart sind beispielsweise bei administrativen Fragen hilfreich für alle Beteiligten.

Wie gelingt der Einstieg? Fachkräfte dringend gesucht.

Themenschwerpunkt 2: Pflege – Brücken in Ausbildung und Beschäftigung

Das zweite Panel des Abends widmete sich dem Pflegeberuf und dem Einstieg in Beschäftigung und Ausbildung. Reinhold Hauck (Geschäftsführer von der Pinoy-Pflege GmbH Waiblingen) und Marion Schwallach (Else-Heydlauf-Stiftung vom Wohlfahrtswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft) berichteten gemeinsam mit ihren jeweiligen Auszubildenden Camille Nakila und Jojo Aswana. Lena Japaridze (Welcome Center Sozialwirtschaft Baden-Württemberg) und Cyriac Panackal (Welcome Service Region Stuttgart) teilten ihre Erfahrungen zu Verwaltungsangelegenheiten und Möglichkeiten für eine reibungslosere Integration.

Marion Schwallach berichtete, dass internationale Fachkräfte einen wichtigen Beitrag leisten. Deren Bindung und Verbleib beim Wohlfahrtswerk in der Altenpflege hätten sich jedoch in der Vergangenheit nicht immer wie erhofft entwickelt. Als bewährten Einstiegsweg benannte sie das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), in dem angehende ausländische Auszubildende das Berufsbild Altenpflege erleben und durch aktive Sprachpraxis im Alltag besser Deutsch lernen.

Pinoy-Pflege unterstützt Neuankömmlinge, indem sie ihnen bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen. Da die Einrichtung ihren Nachwuchs ausschließlich aus den Philippinen gewinnt, hilft auch die philippinische Community bei der Integration. Diese Faktoren erleichtern es, neue ausländische FSJ und angehende Fachkräfte einzubinden. Regularien, Sprachprüfungen und die kulturelle Orientierung im Alltag blieben dennoch hohe Hürden, so Reinhold Hauck.

Wie administrative Prozesse in der Praxis verlaufen, entscheide oft, ob Übernahmen gelingen oder es zu Wartezeiten, Verdienstausfällen und Abbrüchen kommt – unter anderem beim Übergang vom FSJ zur Ausbildung oder beim Arbeitgeberwechsel. Lena Japaridze sprach sich für schnellere und digitalisierte Verfahren bei Ausländerbehörden aus, um die Management- und Dokumentationslast in den Betrieben zu reduzieren sowie die Anschlussbeschäftigung von Fachkräften und damit ihr Einkommen zu sichern.

Damit Integration gelingt, sind eine örtliche Willkommenskultur und verlässliche lokale Unterstützungsstrukturen ausschlaggebend. Dazu gehören Einrichtungen wie das Welcome Center, die Sprechstunden des Welcome Service in der Region, aber auch bezahlbarer Wohnraum und Anbindung an den ÖPNV, wie Cyriac Panackal betont. Engagierte Arbeitgeber und Kommunen leisten hier bereits einen erheblichen Beitrag. Auch Integrationsprojekte, in deren Rahmen sich Privatpersonen abseits des beruflichen Alltags mit den ausländischen Fachkräften treffen, haben sich bewährt.

Wie gelingt der Einstieg? Fachkräfte dringend gesucht.

Fazit: Umsetzung verbessern, Willkommenskultur leben

Michael Kaiser schloss das Hearing mit einem Appell: Neben der Optimierung von Verwaltungsprozessen müsse die Willkommenskultur gestärkt werden. Menschen sollen nicht nur im System ankommen, sondern sich auch im beruflichen und privaten Umfeld gut aufgehoben fühlen.

Viele Initiativen und Einrichtungen tragen in der Region bereits zur gelungenen Integration und der Zufriedenheit von ausländischen Fachkräften bei. Jedoch bestehen weiterhin Hürden beim Spracherwerb, dem bürokratischen Aufwand, Regularien, bei bezahlbarem Wohnraum und der Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Die Sensibilisierung der regionalen und lokalen Politik und Verwaltung sowie der übergeordneten Ebenen kann dabei helfen, Kommunen finanziell und personell auszustatten, aber auch bürokratische Prozesse zu vereinfachen, adäquate Wohnräume zu schaffen und den ÖPNV auszubauen.

Das Hearing brachte Sozialpartner, Träger, Verwaltung und Unternehmen zusammen; sie teilten arbeitsmarktpolitische Einordnungen, betriebliche Erfahrungen und regionale Verantwortung in Politik und Verwaltung.

Fotos: Leif Piechowski